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Die Kunst des Miteinanders

Wie ein Dirigent mithilfe einer App, der Kunst und einem Werte-Diskurs die verhärteten Fronten zwischen Ost und West aufweichen will. Ein Gespräch.


Herr Onken, ihr Team lädt Künstler:innen in ganz Europa dazu ein, sich auf vielfältige, kreative Weise mit der „Europäischen Seidenstraße“ auseinanderzusetzen. Was hat es mit diesem Begriff auf sich?


Die Idee der „Europäischen Seidenstraße“ ist in den letzten Jahren vor allem durch das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche geprägt worden. Als eines der weltweit führenden Institute für Osteuropa forderte es wiederholt einen „Big Push“ bei den Infrastrukturausgaben in Europa: Autobahnen und Hochgeschwindigkeitszüge sollen Logistikzentren, See-, Fluss- und Flughäfen zwischen Lissabon und Moskau, Mailand und dem Schwarzen Meer verbinden. Auf diese Weise könnte eine „Europäische Seidenstraße“ eine Brücke schlagen zwischen den industriellen Zentren im Westen und den bevölkerungsreichen Gebieten im Osten.


Wie kamen Sie nun auf die Idee, diesem wirtschaftlich geprägtem Ansatz einen künstlerischen an die Seite zu stellen und dann noch eine App zu entwickeln?


Mit dem Silk Road Symphony Orchestra, das ich 2016 in Berlin gegründet habe, setzen wir uns bereits seit Jahren mit sogenannten Dialogkonzerten dafür ein, dass der Begriff der „Seidenstraße“ eine europäische und damit demokratische Lesart erhält. In den Köpfen der Menschen ist der Begriff vor allem historisch sowie in den letzten Jahren durch Chinas Infrastrukturvorhaben geprägt.


Eine Förderung der Bundeskulturstiftung in Deutschland ermöglicht uns nun, eine weitere Einladung zum Dialog über den Begriff auszusprechen - in Form einer App. Der Austausch ist wegen des zunehmend aggressiven Kommunikationsklimas wichtiger denn je: Die Fronten zwischen Europa und Russland und Europa und China sind verhärtet und auch die politische Polarisierung innerhalb der europäischen Gesellschaften nimmt zu. So ist der Weg der Kunst einer der derzeit wenigen verbleibenden Möglichkeiten des offenen Austausches zwischen Ost und West.


Wie wird der Austausch über die App ablaufen?


Um zwischen all diesen Orten einen vielfältigen und friedlichen Dialog über den Begriff einer „Europäischen Seidenstraße“ anzuregen, schaffen wir mithilfe der App gewissermaßen eine offene, virtuelle Ausstellungsfläche. Dort können Künstler:innen jeglicher Couleur wie Musiker, Dichter, Tänzer und Fotografen, aber auch Studenten und einfach Interessierte ihre ganz persönliche Idee einer „Europäischen Seidenstraße“ präsentieren. Um den freien Diskurs anzuregen, stehen hier – im bewussten Kontrast zu den ideologisch gefärbten Visionen der Anführer Russlands und Chinas – solche Werte im Mittelpunkt, für die unser demokratisches Europa steht. Ganz konkret geben wir den Kreativen als Inspirationsquelle einen Katalog an Werten an die Hand. In diesem „Goldstandard“ finden sich traditionell mit der Kunst assoziierte Werte wie „Wahrheit“ und „Schönheit. Auf der Liste sind aber auch eher unverbrauchte Begriffe wie „Ungezwungenheit“, „Spiel“ und „Vitalität“, die Künstler:innen womöglich noch größere Deutungsspielräume lassen.


So wollen Sie über Grenzen, Kulturräume und Zeitzonen hinweg die große Projektionsfläche der „Europäischen Seidenstraße“ mit Leben füllen.


Genau, statt durch Autobahnen und Hochgeschwindigkeitszüge Brücken zu bauen, gibt es in diesem digitalen Raum etwa musikalische oder poetische Klangreisen zu hören. So entsteht auf dem Smartphone ein Dialogfenster zwischen den Künstler:innen und den Nutzer:innen der App. Wenn die Anwendung zum Jahresende gelaunched wird, wird jeder von überall her auf dem Handy erleben können, welche Kraft der interkulturelle Austausch über einen Begriff wie die „Europäische Seidenstraße“ entfalten kann.


Im Idealfall erreicht diese Mediathek an Tönen, Worten und Bildern also all diejenigen, die an einer möglichst bunten und individuellen Deutung des Begriffs „Europäische Seidenstraße“ mitwirken wollen.


Richtig, so stellen wir der monopolistischen Deutungshoheit, die autokratische Staaten wie Russland und China beanspruchen, ein Exempel von freier Meinungs- und Begriffsbildung entgegen und lassen zugleich die Tür für den Dialog zwischen Ost und West offen. Denn die ESR-App vertraut auf die Kunst des Miteinanders.


Das Gespräch führte Nicholas Brautlecht.